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Stop Trans*-Pathologisierung

Anne Allex (Hg.)
Berliner Beiträge für eine internationale Kampagne
ISBN 978-3-940865-36-6 I 2012 I 106 Seiten I 9,50

Menschen, die in ihrer Erscheinung nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmen, erleben fast weltweit vielfältige Menschenrechtsverletzungen. Eine in internationalen Krankheitskatalogen vorgeschriebene stigmatisierende psychiatrische Diagnose ist eine Grundlage von Transphobie, die in Form von institutioneller und struktureller Gewalt Lebensperspektiven einschränkt. In den letzten Jahren hat sich dagegen eine internationale Kampagne„Stop Trans*-Pathologisierung 2012!“ entwickelt, die auf eine Streichung der Diagnose „Geschlechtsidentitätsstörung“ aus den Krankheitskatalogen abzielt. Denn eine Namens- und Personenstandsänderung sowie medizinische Maßnahmen könnten auch nicht stigmatisierend erfolgen. Die Berliner Beiträge zu einer internationalen Kampagne informieren über die Analysen der Trans*-Bewegung und ihre Aktionen. Sie unterstützen ihren Kampf um Selbstbestimmung gegen Marginalisierung, Diskriminierung und Ausgrenzung als Teil einer sozialen Bewegung.

 

Mit Beiträgen von: Anne Allex, Berliner Bündnis STP 2012, Diana Demiel, Alice Halmi, Incognito, Eliah Lüthi, Corinna Schmechtel, Tranarchy (Skyler Braeden Fox), TrIQ, Zara Paz.

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Die 1. Auflage - erschienen am 1.10.2012 - wurde durch den Erlös einer Soliparty vom 18.02.2012 und einem Zuschuss von Netzwerk Selbsthilfe gefördert.

 

Die 2. Auflage - erschienen am 18.02.2012 - wurde von der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung zur Homosexuellen Selbsthilfe gefördert. - Hannchen-Mehrzweck-Stiftung

 

 

 

Meine Gründe zur Herausgabe des neuen Buches

Anne Allex, Buchpräsentation im Silverfuture am 29.10.2012

Seit 22 Jahren bin ich mit politischen bewegten Erwerbslosen gegen soziale Ausgrenzung aktiv. Ich habe mich mit den Rechten von Erwerbslosen im Arbeitsförderungsrecht und in der Sozialhilfe befasst – sowohl eng am jeweiligen Gesetz im Bundestag, als auch mit politischer Intervention auf der Straße, in Artikeln, Büchern, auf Podien, in bundesweiten und örtlichen Erwerbslosengruppen. In diesem Rahmen habe ich etliche Bücher und Broschüren sozialpolitischer Natur verfasst. Ich bin Mitbegründerin des Netzwerkes Grundeinkommen Deutschland im Jahr 2004. Seit März 2012 kann ich mich Geschäftsführerin der Sozialpolitischen Gesellschaft nennen.

Seit 2007 beschäftige ich mich im Arbeitskreis „Marginalisierte - gestern und heute!“ mit der Vergangenheit von Erwerblosen und anderen Menschen mit „abweichendem“ Aussehen und Verhalten im deutschen Faschismus. Sie wurden verfolgt und in Konzentrationslagern als Asoziale stigmatisiert. Dazu arbeite ich mit der Frauen/ Lesben/ Trans - Ini Uckermark Gedenkort zusammen.

Der Gegenstand meines neuen Buches ist diesmal ein ganz anderer – nämlich die Diskriminierung und Stigmatisierung von Trans*-Personen. Sie treten in einer internationalen Kampagne gegen ihre Pathologisierung für ihr Bürgerrecht auf Selbstbestimmung über ihren Körper und ihr Geschlecht ein ohne bei gewünschten Transitionen und Behandlung als psychisch gestört diagnostiziert zu werden. Deshalb kämpfen sie für eine Streichung der Diagnose „Geschlechtsidentitätsstörung“ aus dem Klassifikationssystem ICD der WHO. In Deutschland wird diese Diagnostik des ICD durch das SGB V und das TSG unterstützt und durch weitere Sozialgesetzbücher verwaltungsseitig abgesichert. Die internationale Kampagne „Stop Trans*-Pathologisierung 2012“ in Berlin arbeitet deshalb mit unterschiedlichen Kräften für das Bürgerrecht einer selbstbestimmten Entwicklung dieser Bevölkerungsgruppe zusammen.

Beim Alg-II-Leistungsbezug beobachtete ich seit 2006, wie immer mehr Erwerbslose zu rechtswidrigen psychologischen Gutachten eingeladen werden und in die Erwerbsminderungsrente oder die Sozialhilfe (SGB XII) abgeschoben werden. Trans*-Personen sind besonders gefährdet, weil sie bereits über psychologische Diagnosen verfügen oder nach augenscheinlichen Vermutungen des Trans*-Seins mitunter Gutachten gegen sie rechtswidrig eingeleitet werden.

Im Verlauf der Beschäftigung mit der Psychiatrisierung Erwerbsloser lernte ich Vertreter_innen antipsychiatrischer Gruppen und ihre Positionen kennen. Beim Lesen des Kataloges der „Psychologischen Störungen“ im Abschnitt F des ICD 10 wurde mir gewahr wie allein stigmatisierend bereits die Bezeichnungen seelischer Beeinträchtigungen sind und welche Macht psychologische Gutachter über das Leben der Menschen hier haben. Nirgends finden sich jedoch Bezüge zu den oftmals sozialen Ursachen dieser Erscheinungen. Wie auch in der Geschichte, werden auch heute sozial verursachte Phänomene z. B. Einkommensarmut, Erwerbslosigkeit, Energiearmut, Mietschulden oder seelisch Beeinträchtigungen mit medizinischen Diagnosen pathologisiert.

Bei der ersten Info-Veranstaltung 2010 des Berliner Bündnisses „Stop Trans*-Pathologisierung 2012! war ich überrascht und begeistert, mit welchen von Sachkenntnis, mit welchen Argumenten und Erfahrungen die Referent_innen zum Thema sprachen. Trans*-Pathologisierung ist ein Brennpunkt unterschiedlicher und gegenläufiger Interessen. In Deutschland ist es ein Instrument zur Niederhaltung von Trans*-Personen als Experimentalbasis für die Pharmakonzerne und für Psychiatrien. Der deutschen Politik dient es zur Instrumentalisierung gegen kranke Menschen und erwerbstätige Menschen.

In der Krise werden zudem die Gesundheits-Etats beschnitten und soziale Rechte abgebaut. Die Krankenkassen mausern sich zu privaten Versicherungskonzernen. Begleitet wird dies vom gegeneinander Ausspielen der verschiedenen Patient_innengruppen. Schon seit den 1990er Jahren wird im Bundestag die Frage der eigenen Haftung bei Gesundheitsschäden, z. B. Sportunfälle immer wieder thematisiert, um derartige finanzielle Folgen zur Privatsache zu machen. Dies kann auch mit jetzt noch kassenärztlich geleisteten trans*-spezifischen Behandlungen geschehen. M.E. muss deshalb der Kampf gegen die Trans*-Pathologisierung im ICD immer eng verbunden sein mit der kritischen Sicht auf deutsche Gesetze.

Wegen des Ausspielens verschiedener Gruppen ist es erforderlich, den Kampf um die eigenen Rechte mit anderen Bevölkerungsgruppen zu vernetzen, die ähnliche Ansin-nen im Rahmen der gesetzlichen Krankenkassen und der Gesundheitsversorgung haben, die sozial ausgegrenzt sind oder denen sozialer Ausschluss droht. Hierzu ist Aufklärung und Entwicklung sozialer Kämpfe und die Entwicklung politischer Positionen und Forderungen erforderlich.

In Berlin arbeitet die Kampagne gegen Trans*-Pathologisierung als Ein-Punkt-Bündnis interdisziplinär. VertreterInnen verschiedener politischer Szenen treffen aufeinander und bringen ihre Maßstäbe für eine Zusammenarbeit mit ein. In diesem Rahmen ist das Lernen der Entwicklung gleichberechtigter und aufmerksamer sozialer und solidarischer Beziehungen möglich. Das interdisziplinäre gemeinsame Vorgehen hilft, gemeinsam Prozesse der Selbstbefreiung, der Selbstbestimmung über das eigene Leben in Angriff zu nehmen und den Anschub für eine Formierung breiter Bündnisse zu geben mit dem Ansatz so zu leben, wie wir es wollen.

In der Queer-Szene, inklusive der Trans*-Personen bemerkte ich seit 2010, dass queere Menschen sich für ihr Zusammensein in Wohngemeinschaften, Partys, beim transgenialen CSD oder politischen Veranstaltungen Regeln zum eignen Schutz geben. Mir hat besonders imponiert, dass Formen struktureller Gewalt, wie Rassismus, Ableismus, Xeno-, Homo- und Transphobie und Altenfeindlichkeit sowie Lookismus und Abwer-tung hier geächtet sind. Hier wird probiert, das richtige Leben im falschen zu leben (Adorno: Minima Moralia), obwohl alle sich tagtäglich mit den immer brutaler werdenden Phänomenen der kapitalistischen Verhältnisse auseinandersetzen müssen. Gegen die Gesellschaft wird hier eine autonome gesellschaftlichen Praxis entwickelt. Die Notwendigkeit dessen wird gerade in Diskussionen zum bedingungslosen Grundein-kommen, den Commons und dem Guten Leben wieder entdeckt und ist eine Forderung in der Flugschrift „Der kommende Aufstand“. Denn unser Leben ist das, was wir selbst daraus machen. Unser Leben sind die Regeln, die wir uns selbst geben und nach denen wir selbst leben und mit anderen zusammenleben – selbst dann, wenn und obwohl unsere Regeln nicht die des herrschenden Systems sind und unser eigenes Leben zum eigentlichen Widerstand gegen das System wird. Dies ist eine der Voraussetzungen der Aneignung der Gesellschaft durch frei assoziierte Individuen, die Herstellung eines "Vereins freier Individuen" durch eine umfassende "Gegenvergesellschaftung" und der Erziehung zum mündigen, kritisch reflektierenden Individuum. Selbst wenn es unter dem Krisendruck immer schwerer wird, das Leben von befreiten, friedlichen und miteinander solidarischen Menschen zu leben, gilt: "Keine Emanzipation ohne die der Gesellschaft". Aus meiner Sicht versuchen queere Zusammenhänge ein gewaltfreies, solidarisches und achtsames Miteinander vorzuleben und sind eine kleine Avantgarde. Denn dies ist für andere soziale und politische Zusammenhänge keineswegs selbstverständlich, wie es eine antifaschistische Gruppe bei der STP-Kundgebung am 20.120.2012 kritisch anmerkte. Und das ist für das so genannte normale Leben meist außerhalb jeglicher Vorstellungen.

Diese anderen Beziehungen zueinander waren es denn auch, die mich motivierten, in den letzten Jahren die STP-Kampagne zu unterstützen und bewogen, dieses Buch herauszugeben. Anliegen des Buches ist es, über die Kampagne aufzuklären und ihre Ideen und Forderungen zu verbreiten. Unser kleines Berliner Bündnis war, neben zwei französich-sprachige Initiativen in Zürich und Genf das einzige im deutsch-sprachigen Raum, was am internationalen Aktionstag „Stop Trans*-Pathologisierung 2012“ teilnahm, obwohl es in Hamburg, München, Wien u.a. durchaus Trans*-Gruppen gibt.